Im Blick

Kunstwerke aus der Sammlung

Seit Jahresbeginn präsentiert das Kunstmuseum Temporär in loser Folge Kunstwerke der Städtischen Sammlung, der Sammlung Themel und der Sammlung Ziegler, die während der Museumssanierung eingelagert sind als Newsletter. Prominente Gemälde, Schätze der grafischen Sammlung, aber auch selten gezeigte Exponate werden vorgestellt und geben einen Vorgeschmack auf die facettenreichen Bestände des Kunstmuseums und die Wiedereröffnung der Alten Post.

In Zeiten, in denen das Handeln und Entscheiden einem Balanceakt gleich ein besonderes Maß an Feingefühl, Augenmaß, Abwägen und Austarieren zwischen gebotener Vorsicht und verantwortbarem Risiko erfordern, mag das Motiv des „Seiltänzers“ wie in der Farblithografie von Paul Klee (1879–1940) ein treffendes Sinnbild sein.
Die nach einer Bleistiftzeichnung entstandene Originalgrafik auf Bütten aus der Sammlung Ziegler im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr erschien 1923 als Blatt IV der berühmten Bauhaus-Mappe „Kunst der Gegenwart“ in einer Gesamtauflage von 300 Exemplaren.
1921 war Paul Klee von Walter Gropius an das Staatliche Bauhaus berufen worden, wo er bis 1931 wirkte und neben der praktischen Werklehre als Leiter der Buchbinderei, Metallschmiede, Glasmalerei und Weberei in seinen Vorlesungen und Kursen die Theorie der bildnerischen Formenlehre vermittelte.

In Klees Werk nehmen grafische Arbeiten einen besonderen Stellenwert ein und er entwickelte eine unverwechselbare Zeichensprache: Der Mitbegründer der Neuen Münchener Sezession und der Gruppe „Die Blauen Vier” mit den Künstlern Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger verband Elemente kindlichen Zeichnens und vereinfachte Symbole mit streng geometrischen Formen zu poetisch-vieldeutigen und humorvollen Bilderzählungen. Seine durchkomponierten Darstellungen, in denen Linien und Flächen spannungsreich miteinander in Beziehung gesetzt werden, folgen dem Prinzip von Gewicht und Gegengewicht.

Als Strichmännchen dargestellt, vollzieht der Akrobat sein schwindelerregendes Kunststück auf einer Schrägen, die parallel zum Querbalken eines aus dem Lot geratenen Kreuzes erscheint. Durch den Druck einer gefärbten Tonplatte, die horizontalen und vertikalen Achsen freilassend, erscheint es hell vor rotem Grund und gibt die Koordinaten eines imaginären Raumes wieder. Das schiefe Kreuz ist ein Zitat der Farblithografie „Gruss und Heil den Herzen“ von Klees Wegbegleiter Johannes Itten aus der zwei Jahre zuvor herausgegebenen, ersten Bauhaus-Mappe. Darüber hinaus verbirgt sich in dem Gefüge aus fluchtenden und im Winkel angeordneten Linien unterhalb des Seils nicht nur eine angedeutete Strickleiter als rettender Abgang, sondern auch ein reduzierter Profilkopf als Verweis auf das von Oskar Schlemmer entworfene Bauhaus-Signet.

Zurückschauend vorwärtsgehend, lässt sich der Seiltänzer mit Blick auf den Richtungsstreit am Weimarer Bauhaus als Metapher für den Künstler zwischen Neuerung und Rückbesinnung deuten; allgemeingültig aber auch für das Leben an sich, in dem ein scheinbar festes Gerüst aus den Fugen geraten kann und die Herausforderung darin besteht, gegensätzlich wirkende Kräfte wieder in Balance zu bringen.


Das Aquarell „Blick in den Garten“ der aus Riga stammenden Künstlerin Ida Kerkovius (1879 bis 1970) besticht durch seine leuchtende Farbigkeit und Leichtigkeit. Es zeigt einen abstrahierten Garten in Aufsicht mit aneinandergefügten Beeten und angedeuteten Pflanzen in fantasievoller, kindlich-naiver Manier. Die dargestellte Figur am rechten unteren Bildrand hält den Betrachtenden wie zum Gruß eine rote Blume entgegen. Geometrische Formen mit ornamenthaften Mustern, Punkten, Schraffuren und einzelnen Farbflächen bilden das Gerüst dieser Komposition.
Beeinflusst durch die Formensprache des Kubismus, des Expressionismus und der abstrakten Malerei, setzt Ida Kerkovius spielerisch und spannungsreich Eindrücke dreidimensionaler Natur ins Zweidimensionale um. Diese besondere Art des „flächigen Sehens“ und des „ein Etwas von dem Gesehenen“ festzuhalten erlernte sie von dem Maler und Kunstpädagogen Adolf Hölzel in der Künstlerkolonie Dachau und später als seine Meisterschülerin und Assistentin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Auf der Suche nach Neuem setzte Ida Kerkovius das Studium von 1920 bis 1923 am Weimarer Bauhaus fort und besuchte Kurse bei Johannes Itten, Georg Muche und Wassily Kandinsky. Der Wechsel in die Klasse von Gunta Stölzl offenbarte ihre Begabung im Bereich des textilen Gestaltens und der Handweberei: Ihre außergewöhnlichen Bildteppiche und Wandbehängen begeisterten nicht nur Walter Gropius und Paul Klee, sondern sicherten auch ihr finanzielles Auskommen nach der Bauhaus-Zeit und der Rückkehr nach Stuttgart.
Ida Kerkovius‘ intensive Auseinandersetzung mit Textilkunst ist in der vermutlich in den 1950er-Jahren entstandenen Gartendarstellung aus der Mülheimer Museumssammlung spürbar, die in gewisser Weise an Patchwork erinnert.

Anlässlich des Starts der neuen StadtKunstTour „Kunst im Viertel“ am 8. März 2020, steht heute ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum in Mülheim an der Ruhr im Fokus.
Seit Kurzem erstrahlt die Bronze-Plastik „Akrobaten“ von Lajos Barta auf dem Schulhof der Otto-Pankok-Schule an der Von-Bock-Straße 81 in neuem Glanz: Die witterungsbedingten Kalk- und Korrosionsspuren konnten reduziert sowie Verunreinigungen entfernt werden. Im nächsten Jahr, turnen‘ die Elemente der Bronze-Plastik bereits seit vierzig Jahren am Rande des Schulhofs.

Auf einem Betonsockel umspielen sechs rauten- und ellipsenförmige Elemente mit konkaven, nach innen gewölbten Flächen eine große, wellenartige Form. Bei frontaler Betrachtung wirken die Elemente trotz ihrer Wölbungen flächig. Der Titel „Akrobaten“ führt die Assoziationen bei der Betrachtung weiter: Das größte Element im oberen Drittel erinnert an einen Kopf, die Wellen-Form darunter an einen ausgestreckten Arm. Alles wirkt bewegt und dynamisch, aber nicht fragil, sondern ausgewogen und in Balance.
Beim Blick von der Seite fällt die tiefe Wölbung der einzelnen Teile auf. Der Eindruck einer fein austarierten Balance wird in dieser Ansicht noch verstärkt.
Die „Akrobaten“ zeigen Bewegung. Die blank polierte, gewölbte Bronze wirkt wie aufgeblasen, leicht wie ein Ballon, der nach oben steigt – und bildet so einen Widerspruch zwischen formal leichter Anmutung und tatsächlicher Schwere und Starre des Materials. Das Thema der Balance, des Austarierens der dargestellten Massen ist ein zentrales Thema im künstlerischen Œuvre Lajos Bartas.

Der 1899 in Budapest geborene Bildhauer hat sich schon in den 1940er Jahren mit diesem Thema befasst; erste figurative Akrobaten-Plastiken entstehen in Auseinandersetzung mit der Künstlergruppe „Abstraction – Création“, zu denen unter anderem Alexander Calder, Lázló Moholy-Nagy, Hans Arp und Constantin Brancusi zählten. Die andauernde Beschäftigung mit dem Sujet der Akrobatik veranschaulichen zahlreiche Klein-Plastiken und Zeichnungen bis in die 1970er Jahre. Das Plakat zur ersten Museums-Ausstellung in Deutschland „Lajos Barta. Plastiken und Zeichnungen“ aus dem Jahr 1970 zeigt die Gips-Plastik der „Akrobaten“, die drei Jahre zuvor entstand. Die Mülheimer Plastik stellt eine Vergrößerung dieser Arbeit dar. Im Rahmen eines „Kunst am Bau“-Auftrags wurde das Objekt unter Anleitung des Künstlers aufgestellt – aufgrund der begrenzten Mittel in der Ausführung etwas kleiner als ursprünglich geplant.

Bartas Leben war massiv geprägt durch die politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert: Er erlebte Verfolgung und Repression durch die Nationalsozialisten, später dann durch das sozialistische Regime in Ungarn. Reisen führten ihn wiederholt nach Italien, Frankreich und Deutschland. Ab 1965 fand er sein Zuhause im Rheinland. Er verstarb am 13. Mai 1986 in Köln. Zahlreiche Arbeiten im öffentlichen Raum, u.a. in Köln, Bonn und Siegen wie auch das Werk in Mülheim an der Ruhr halten die Erinnerung an diesen bedeutenden europäischen Künstler wach.

Die „Akrobaten“ an der Otto-Pankok-Schule sind ein Schlüssel zu Bartas gesamtem Schaffen. Er selbst fasste im Rahmen der Aufstellungsarbeiten die Essenz des Werkes – mit einem Augenzwinkern – in einem Reim zusammen: „Am schönsten ist das Gleichgewicht, kurz bevor’s zusammenbricht.“

Den Auftakt macht zum Valentinstag eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Karl Heinz Hargesheimer, genannt Chargesheimer: Wie die im Moment eingefrorene Szenen aus einem Liebesfilm, hat der Kölner Fotograf das sich küssende Paar von der anderen Seite der Theke einer Kneipe aus herangezoomt und in den Fokus genommen. Typische Hell-Dunkel-Kontraste und atmosphärische Unschärfen am Rand verstärken die voyeuristisch-angehauchte Stimmung. Die Aufnahme stammt aus dem Bildband „Cologne intime“ (1957), mit dem Chargesheimer bekannt wurde. Gemeinsam mit anderen ausgewählten Motiven wurde es 2008 als Edition für die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg herausgegeben.

Chargesheimer, 1924 in Köln geboren, zählt neben August Sander, Erich Salomon und Otto Steinert zu den großen deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Studium an der Kölner Werkschule war er ab 1947 freiberuflich als Fotograf tätig, hatte von 1951 bis 1956 einen Lehrauftrag an der Bild- und Klang Fotoschule in Düsseldorf und widmete sich ab den 1960er-Jahren intensiv der Theaterarbeit als Regisseur und Bühnenbildner. Die schillernde Persönlichkeit des „Bohemien aus Köln“ hatte auch eine tragische Seite: Chargesheimer nahm sich in der Silvesternacht 1971 das Leben. Sein fotografischer Nachlass wird seit 1978 im Museum Ludwig in Köln aufbewahrt.

Neben den Porträts, Alltagsszenen und Straßenbildern seiner Heimatstadt, war er mit seiner Linhof-Kamera auch im Ruhrgebiet unterwegs und machte dokumentarische Bestandsaufnahmen der in der Nachkriegszeit industriell-aufstrebenden Region, aber auch der dortigen schwierigen Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen. „Wer ein guter Fotograf sein will, muss mehr sehen als die anderen und anders sehen als die anderen“, lautete seine Devise. Als Meister der visuellen Abfolge von autonomen Bildern veröffentlichte er 12 Fotobücher zu Rhein und Ruhr, teilweise mit kritischen Texten des befreundeten Schriftstellers Heinrich Böll, mit dem er oft gemeinsam auf Fotoreportage war.

Hier können sie den Newsletter abonnieren.











Kontakt:

Anja Bauer-Kersken
0208 455 4178