ZEITZEICHEN 20. März 1920: Ausrufung der Räterepublik vom Balkon des Rathauses

Der Ruhrkampf, auch als Ruhr- oder Märzaufstand bezeichnet, war ein Aufstand von Arbeitern des Ruhrgebiets im März 1920. Auslöser war der sogenannte Kapp-Putsch vom 13. März 1920. An diesem Tag waren früh am Morgen Einheiten der Reichswehr in Berlin einmarschiert, hatten die Regierung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Gustav Bauer nach Stuttgart vertrieben und den preußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum neuen Reichskanzler erklärt. Als Reaktion auf diesen Putsch riefen Reichspräsident Friedrich Ebert und die SPD-Minister der geflüchteten Regierung die Deutschen zum Generalstreik auf. Dieser Streik, der von breiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen wurde, zeigte Wirkung und hatte zur Folge, dass Kapp und sein Mitstreiter General Walther Freiherrr von Lüttwitz wenige Tage später am 17. März aufgeben mussten. Kapp floh nach Schweden, Lüttwitz trat als Militärbefehlshaber zurück.

Die „Rote Ruhrarmee“, die sich als Reaktion auf den Putsch im gesamten Ruhrgebiet aus bewaffneten Arbeitern gebildet hatte, löste sich nach dem erfolgreichen Widerstand nun keinswegs auf, sondern kämpfte weiter. Die rund 50.000 Mann starke Truppe wollte mehr als den Status quo wiederherstellen: Die Etablierung einer sozialistischen Räterepublik war das Ziel, das man vor Augen hatte. So auch in Mülheim an der Ruhr.

Eine Bündnis von Kommunisten, Unabhängigen Sozialdemokraten und Sozialdemokraten hatte in Mülheim einen Aktionsausschuss gebildet, der am 20. März auf dem Balkon des Rathauses die Räterepublik ausrief. Nicht die Abwehr der Putschisten stand länger im Vordergrund, sondern die Umwälzung des Staates. Oberbürgermeister Lembke, der sich zuvor loyal hinter die gewählte Reichsregierung gestellt hatte, wurde entmachtet, die Mülheimer Polizei entwaffnet. Darüber hinaus wurden alle Bürger aufgefordert, ihre Waffen abzuliefern. Im Gebiet Essen/Mülheim wurden nun an die 2.000 Arbeiter mit Waffen ausgestattet, jedoch schloss sich nur ein Teil - etwa 500 bis 600 - den Kampftruppen der Ruhrarmee an. Vor der Mülheimer Garnison an der Kaiserstraße lieferten sich die Rotgardisten heftige Kämpfe mit dem Freikorps des Majors Siegfried Schulz, der mit den Putschisten sympathisierte und um jeden Preis die Entstehung einer Räterepublik verhindern wollte. Als die gegnerische Übermacht zu erdrückend wurde, brach das Freikorps Schulz aus und zog sich vorübergehend nach Wesel zurück. Ein Freikorpsmitglied berichtete später: „Auch kriegserfahrene Offiziere hatten dergleichen noch nicht mitgemacht. Auf die Truppen wurde andauernd aus Häusern und Kellerluken, von Halden und Baumstämmen, ja selbst aus Kessel- und Maschinenhäusern geschossen, so dass es sie in viele kleine Teile zerriss.“

Auf Dauer konnten sich die Revolutionäre jedoch nicht halten. Nachdem die Reichswehr am 29. März ultimativ die Niederlegung der Waffen gefordert hatte, marschierte sie vier Tage später - unterstützt u.a. vom Freikorps Schulz - ins Ruhrgebiet ein und schlug unter dem Befehl von General Oskar von Watter die rote Revolution blutig und endgültig nieder.











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