ZEITZEICHEN 7. Oktober 1909: Stilllegung und Abbruch der Kettenbrücke

65 Jahre lang „schwebte“ die Kettenbrücke als Mülheims erste, und von so manchem Zeitgenossen als schönste Ruhrbrücke betitelt, über dem Fluss. Bis dahin war es nur möglich, die Ruhr mit der als „fliegender Brücke“ bezeichneten Scholl‘schen Fähre zu überqueren. Sie konnte aber weder bei Hoch- oder Niedrigwasser noch bei zugefrorener Ruhr verkehren. Außerdem war sie nicht in der Lage das steigende Verkehrsaufkommen zu bewältigen, welches mit zunehmender Industrialisierung entstanden war. Dies war verbunden mit einem stetig wachsenden Transportbedarf an Kohlen von den Mülheimer Zechen auf der rechten zur anderen Ruhrseite ins Niederbergische.

Bereits 400 Jahre vor dem Bau der Kettenbrücke hatte es schon Pläne des Kölner Erzbischofs, Herzog Gerhard von Jülich-Berg, für einen Brückenbau an dieser Stelle gegeben. Er hatte zuvor mit seinen Verbündeten Schloss Broich eingenommen. Da es aber aus geografischen Gründen keine Notwendigkeit dafür gab, starb schließlich diese Idee. Es waren aber auch finanzielle und politische Gründe, die ihn dazu bewogen haben, das Brückenbauprojekt nicht zu realisieren.

Dafür sollen für den Bau der Kettenbrücke auch militärische Gründe in Erwägung gezogen worden sein, die den preußischen Staat bewogen, die Hauptlast der Finanzierung von 79.000 Talern zu übernehmen. Dies geschah aber auch vor dem Hintergrund, weil sich die bereits 1835 begonnenen Planungen wegen sich hinziehender Verhandlungen über die Finanzierung der Baukosten nicht vorankamen. Die Stadt war mit 15.000 Talern beteiligt. Man versprach sich von der Brücke auch Einnahmen durch das für die Benutzung der Brücke zu entrichtende Brückengeld, welches Preußen 1855 zumindest für Fuhrwerke einführte. Der am 6. August 1842 begonnene Brückenbau dauerte zwei Jahre. Man entschied sich für eine Kettenbrücke, weil durch eine solche Konstruktion Entfernungen von über 200 Metern überwunden werden konnten. Sie war eine der ersten ihrer Art von insgesamt sieben, die in deutschen Territorien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut worden waren. Aus Eisen und an Ketten aufgehängt musste diese eine hohe Tragleistung haben, entsprechend groß waren die Glieder der Ketten, die in der Mülheimer Friedrich Wilhelms-Hütte gegossen worden waren.

Die Einweihung der Brücke am 13. November 1844 feierte die ganze Stadt. Die Friedrich-Wilhelms-Brücke - so ihre offizielle Bezeichnung - wurde das Wahrzeichen der Stadt Mülheim an der Ruhr. Ihr Namensgeber, der preußische König - ein Sohn der Königin Luise - hatte nach einem Gesuch des Mülheimer Bürgermeisters Christian Weuste dafür gesorgt, dass das Bauprojekt verwirklicht wurde. 1845 besuchte er Mülheim und besichtigte auch die Brücke, die zum Verkehrsknotenpunkt der Stadt geworden war, weil sie die erste Bücke in der Umgebung Mülheims war. Die nächste Überquerung der Ruhr war erst wieder in Kettwig möglich. Die Menschen konnten den Fluss nun jederzeit überqueren unabhängig von Wasserstand der Ruhr und Jahreszeit.

Und dennoch waren auch ihre Tage gezählt. Die Einwohnerzahl Mülheims hatte sich mehr als verfünffacht von 22.000 im Jahre 1844 auf 115.000 im Jahre 1910. Auf den Straßen waren nicht mehr nur Fußgänger und Pferdefuhrwerke unterwegs, sondern neue Verkehrsmittel wie Automobile drängten auf die Straßen und ab 1897 auch die „Elektrische“. Diesen sich verändernden Verkehrsverhältnissen war die schmale Kettenbrücke von 1844 mit ihren fünf Meter breiten Holzbohlen nicht mehr gewachsen.

So nahmen nach über 60 Jahren die Mülheimer mit einem Fackelzug über die Brücke von ihrem Wahrzeichen Abschied. Ab dem 7. Oktober 1909 musste die Kettenbrücke ihrer doppelt so breiten und belastbaren Nachfolgerin, einer Drei-Gelenkbogen-Brücke aus Beton mit Sandsteinverblendung Platz machen. Oberbürgermeister Dr. Paul Lembke weihte die neue Rundbogenbrücke am 24. Februar 1911 ein.











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